Content kostet fast nichts mehr. Ein Blogpost? Fünf Minuten mit Claude. Zehn Social-Media-Varianten? Noch mal drei Minuten. Ein kompletter Redaktionsplan für sechs Monate? Eine Stunde, wenn man gründlich ist. Die Produktionskosten sind auf nahezu Null gefallen. Und genau deshalb ist die meiste Content-Strategie, die ich sehe, gerade dabei, wertlos zu werden.
Das klingt paradox. Aber die Ökonomie ist eindeutig: Wenn etwas im Überfluss existiert, verliert es seinen Wert. Was knapp bleibt, wird kostbar. Content ist nicht mehr knapp. Aufmerksamkeit schon.
Die Rechnung, die nicht aufgeht
Herbert Simon, Nobelpreisträger und einer der Gründerväter der Kognitionswissenschaft, hat das bereits 1971 formuliert: „A wealth of information creates a poverty of attention.“ Ein Überfluss an Information erzeugt eine Armut an Aufmerksamkeit. Was Simon damals über Bibliotheken und Zeitungen schrieb, gilt heute in einer Dimension, die er sich vermutlich nicht vorstellen konnte.
Die Content-Marketing-Branche hat jahrelang auf Volumen optimiert. Mehr Posts, mehr Reichweite, mehr Touchpoints. Das funktionierte, solange Produktion teuer war. Wer sich drei Blogposts pro Woche leisten konnte, hatte einen Vorteil gegenüber dem, der nur einen schaffte.
Diese Logik ist tot.
Wenn jeder mit minimalem Aufwand täglich Content produzieren kann, ist Quantität kein Differenzierungsmerkmal mehr. Es ist Grundrauschen. Die Frage ist nicht mehr: Wie viel können wir produzieren? Die Frage ist: Warum sollte irgendjemand das lesen?
Was die Forschung über Aufmerksamkeit weiß
Menschen haben eine begrenzte kognitive Kapazität. Das ist keine Metapher, das ist Neurologie. Die Cognitive Load Theory beschreibt seit Jahrzehnten, dass unser Arbeitsgedächtnis nur eine bestimmte Menge an Information gleichzeitig verarbeiten kann. Alles darüber hinaus wird gefiltert, ignoriert oder vergessen.
Interessant ist, was passiert, wenn Menschen mit Informationsüberflutung konfrontiert werden: Sie entwickeln Abwehrstrategien. Sie scannen statt zu lesen. Sie urteilen in Millisekunden, ob etwas ihre Aufmerksamkeit verdient. Sie werden, mit anderen Worten, zu gnadenlosen Kuratoren ihres eigenen Informationskonsums.
Ich beobachte das auch auf der Konsumentenseite: Wer gelernt hat, kritisch zu filtern, wird durch mehr Content nicht erreicht. Im Gegenteil, die Abwehrreflexe werden stärker.
Die Ressource, die nicht skaliert
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Content und Aufmerksamkeit: Content lässt sich beliebig vermehren. Aufmerksamkeit nicht.
Das ist keine Metapher, sondern Biologie. Menschen haben ungefähr vier Stunden fokussierter kognitiver Kapazität pro Tag. Diese Zahl schwankt je nach Person, Tagesform und Aufgabe, aber sie wächst nicht. Nicht durch bessere Tools, nicht durch mehr Kaffee, nicht durch Produktivitäts-Hacks. Vier Stunden, dann ist die Ressource erschöpft.
In diesen vier Stunden konkurriert dein Content mit allem anderen: Arbeit, E-Mails, Nachrichten, Familie, Netflix, Social Media, dem inneren Monolog. Jede Minute, die jemand deinem Blogpost widmet, ist eine Minute, die er nicht woanders verbringt. Das war schon immer so. Aber wenn das Angebot explodiert und die Nachfrage konstant bleibt, verschiebt sich das Machtverhältnis radikal.
Dazu kommt ein Effekt, den die Kognitionsforschung „Attention Residue“ nennt: Wenn Menschen zwischen Aufgaben oder Inhalten wechseln, bleibt ein Teil ihrer Aufmerksamkeit beim Vorherigen hängen. Je mehr Content konsumiert wird, desto fragmentierter wird die Aufmerksamkeit. Die Gesamtmenge bleibt gleich, aber die Qualität sinkt. Menschen lesen mehr und behalten weniger.
Und dann sind da die steigenden Schwellen. Was 2020 beeindruckt hat, ein gut geschriebener LinkedIn-Post, ein solide recherchierter Blogartikel, ist heute Grundrauschen. Die Erwartungen der Konsumenten steigen, weil sie täglich Hunderte Inhalte sehen. Was früher „gut“ war, ist heute „Standard“. Was früher auffiel, geht heute unter.
Die Rechnung ist brutal: Das Angebot an Content wächst exponentiell. Die verfügbare Aufmerksamkeit bleibt konstant. Die Qualität der Aufmerksamkeit sinkt durch Fragmentierung. Die Schwelle für „bemerkenswert“ steigt kontinuierlich.
Wer glaubt, dieses Problem mit mehr Content zu lösen, hat die Gleichung nicht verstanden.
Das Workslop-Problem
Es gibt einen Begriff, der das Phänomen gut beschreibt: Workslop. Gemeint ist KI-generierter Content, der dem Empfänger mehr Arbeit macht, nicht weniger. Die E-Mail, die so generisch ist, dass man erst dekodieren muss, ob sie relevant ist. Der Blogpost, der fünf Absätze braucht, um zu sagen, was in einem Satz stünde. Die LinkedIn-Nachricht, die so offensichtlich automatisiert ist, dass man sie reflexhaft löscht.
Workslop ist nicht nur nutzlos. Workslop ist schädlich. Er trainiert Menschen darauf, bestimmte Signale zu ignorieren. Er entwertet die Kanäle, durch die er fließt. Er macht es schwerer, nicht leichter, echte Aufmerksamkeit zu erreichen.
Und hier kommt das Problem: Die meisten KI-Tools sind hervorragend darin, Workslop zu produzieren. Sie optimieren auf Textmenge, auf scheinbare Vollständigkeit, auf die Abwesenheit von Fehlern. Was sie nicht können: beurteilen, ob das Ergebnis für einen konkreten Menschen in einer konkreten Situation relevant ist.
Das ist das Symbol Grounding Problem in der Praxis. KI übersetzt Worte in Worte. Sie hat keinen Zugang zur Welt, in der diese Worte ankommen sollen. Sie weiß nicht, dass deine Leserin gerade zwischen zwei Meetings hetzt und maximal 30 Sekunden hat. Sie weiß nicht, dass dein Kunde dieses Thema schon dreimal woanders gelesen hat. Sie weiß nicht, was für diesen Menschen jetzt relevant wäre.
Diese Einschätzung erfordert Weltverständnis. Das bleibt menschliche Arbeit.
Die neue Metrik
Ich halte die meisten Content-KPIs, die ich sehe, für irreführend. Reichweite, Impressions, sogar Engagement-Raten, all das misst Aktivität, nicht Wirkung. Wenn Content nichts kostet, sind diese Zahlen leicht zu manipulieren. Mehr posten, mehr Reichweite. Das sagt wenig darüber aus, ob irgendjemand durch diesen Content anders denkt oder handelt.
Die relevante Frage ist eine andere: Wäre jemand bereit, für diesen Content zu bezahlen? Nicht weil er muss, sondern weil der Inhalt so wertvoll ist, dass er Zeit und Aufmerksamkeit verdient?
Das ist ein harter Test. Die meisten Unternehmensblogposts bestehen ihn nicht. Manche Newsletter bestehen ihn. Wenige.
Was unterscheidet die, die bestehen?
Erstens: Sie sagen etwas, das nicht offensichtlich ist. Keine Zusammenfassungen von dem, was jeder weiß. Keine „5 Tipps für mehr Produktivität“, die in hundert Varianten existieren. Sondern eine Perspektive, ein Erfahrungswert, eine Einordnung, die nur von diesem Absender kommen kann.
Zweitens: Sie respektieren die Zeit des Lesers. Kein Padding, kein Aufblähen, keine drei Absätze Einleitung bevor der Punkt kommt. Jeder Satz muss seinen Platz verdienen.
Drittens: Sie haben eine klare Antwort auf die Frage „Für wen ist das?“. Nicht „für alle, die sich für Marketing interessieren“. Sondern für Menschen in einer konkreten Situation mit einem konkreten Problem.
Was das für Marketing-Teams bedeutet
Die Konsequenz ist unbequem: Die meisten Content-Workflows, die gerade in Unternehmen aufgebaut werden, optimieren auf die falsche Variable. Sie machen Produktion schneller. Aber Produktion war nie das Problem. Das Problem war immer Relevanz – und Relevanz wird durch schnellere Produktion nicht besser. Sie wird schlechter, weil der Prüfschritt wegfällt.
Konkret heißt das: Wer heute einen Redaktionsplan mit 20 Posts pro Monat hat und diesen mit KI auf 40 hochskaliert, hat nicht doppelt so viel Content-Marketing. Er hat doppelt so viel Grundrauschen. Die Reichweite mag kurz steigen, die Aufmerksamkeit pro Stück sinkt. Und mit ihr das Vertrauen.
Ich sehe in unseren Seminaren immer wieder dieselbe Dynamik: Teams lernen, Content schneller zu produzieren, und produzieren dann mehr davon. Niemand stellt die Frage, ob das dritte LinkedIn-Karussell diese Woche wirklich etwas sagt, das die Zielgruppe noch nicht weiß. Niemand rechnet gegen, was es kostet, wenn Follower lernen, die eigenen Posts zu ignorieren.
Die strategisch klügere Entscheidung wäre oft das Gegenteil von dem, was intuitive Logik nahelegt: weniger publizieren, dafür besser. Die eingesparte Produktionszeit nicht in mehr Output stecken, sondern in bessere Recherche, schärfere Thesen, konkretere Beispiele. Den KI-Entwurf nicht als fertiges Produkt behandeln, sondern als Rohmaterial, das menschliche Einordnung braucht.
Das verlangt eine Fähigkeit, die in den meisten Marketing-Teams nicht trainiert wird: Kuratieren statt Produzieren. Entscheiden, was nicht veröffentlicht wird. Einen fertigen Entwurf löschen, weil er nichts Neues sagt. Das fühlt sich falsch an, wenn man in Produktionslogik denkt. Es ist aber genau die Kompetenz, die in einer Welt mit unbegrenzter Produktionskapazität den Unterschied macht.
Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob dein Team KI-Tools nutzt. Die Frage ist, ob dein Team beurteilen kann, wann das Ergebnis die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen verdient – und wann es nur die eigene Veröffentlichungsliste verlängert.
Ein Praxis-Test für die eigene Content-Strategie
Bevor du den nächsten Redaktionsplan erstellst, mach folgendes Experiment: Geh die letzten 20 Veröffentlichungen deines Teams durch und stell bei jedem Stück eine einzige Frage – würde ich das lesen, wenn es nicht von uns wäre?
Nicht als Pflichtlektüre, nicht weil der Algorithmus es ausspielt, sondern freiwillig. In den vier Stunden fokussierter Aufmerksamkeit, die ich heute habe – hätte dieses Stück eine Chance?
Erfahrungsgemäß bleiben von 20 Stücken vielleicht drei bis fünf übrig. Das ist kein Versagen. Das ist der Ausgangspunkt für eine ehrliche Content-Strategie.
Die nächste Frage ist dann: Was haben diese drei bis fünf gemeinsam? Meist ist es eine eigene Perspektive, ein konkretes Beispiel aus der Praxis, eine These, die nicht auf jedem zweiten Branchenblog steht. Daraus lässt sich ableiten, wo die eigentliche Stärke liegt – und wo man aufhören darf, Grundrauschen zu produzieren.
Content-Strategie im Jahr 2026 heißt nicht: Wie nutzen wir KI, um mehr zu veröffentlichen? Es heißt: Was wissen wir, was sonst niemand weiß – und wie bringen wir das so auf den Punkt, dass es die knappe Aufmerksamkeit eines anderen Menschen verdient?






