Vibecoding im Marketing: Warum Marketer jetzt programmieren lernen, ohne programmieren zu lernen

Vor drei Monaten hätte ich nicht geglaubt, dass ich das schreibe: Ich baue gerade eine Browser Extension. Sie erfasst, wie Menschen KI generierte Texte editieren. Ein Forschungstool für meine Arbeit. Ich kann nicht programmieren. Ich habe nicht programmieren gelernt. Und trotzdem funktioniert das Ding.

Der Grund hat einen Namen, der gerade durch die Tech Welt geistert: Agent Coding. Oder, wie Andrej Karpathy es Anfang 2025 nannte: Vibecoding. Die Idee ist simpel und radikal zugleich. Du beschreibst, was du willst. Die KI schreibt den Code. Du testest, korrigierst, beschreibst genauer. Und irgendwann läuft es.

Klingt nach Hype? Ist es teilweise. Aber es verändert auch real, was Menschen ohne Programmierkenntnisse plötzlich selbst bauen können.

Was Vibecoding im Marketing eigentlich ist

Der Begriff „Vibe Coding“ klingt nach Silicon Valley Geplänkel, beschreibt aber etwas Konkretes: eine neue Art, mit KI Coding Assistenten zu arbeiten. Statt einzelne Code Zeilen vorgeschlagen zu bekommen, delegierst du ganze Aufgaben. „Bau mir eine App, die meine Blogbeiträge schreibt.“ „Schreib ein Skript, das meine CSV Dateien zusammenführt.“ „Erstelle eine Automatisierung, die neue Blog Artikel in mein CMS lädt.“

Ich habe mit Claude Code in Visual Studio Code angefangen, einer Entwicklungsumgebung, die ich vorher nie benutzt hatte. Mittlerweile arbeite ich nur noch im Terminal, dieser schwarzen Kommandozeile, die für die meisten Menschen im Marketing nach Hacker Film aussieht. Nicht weil ich plötzlich zur Entwicklerin geworden bin. Sondern weil es für meine Zwecke schneller geht.

Warum Vibecoding fürs Marketing relevant ist

In unseren Seminaren erlebe ich regelmäßig denselben Moment: Teilnehmer sehen, wie schnell ChatGPT Kampagnen Ideen generiert. Sie sind begeistert. Dann erkläre ich, dass dieselbe Technologie auch Code schreiben kann. Und plötzlich ist die Begeisterung weg. „Das ist nichts für mich.“ „Ich bin kein Techie.“ „Das brauche ich nicht.“

Ich verstehe die Reaktion. Programmieren fühlt sich an wie eine andere Welt. Eine, in der man jahrelang lernen muss, bevor man irgendetwas Nützliches produziert.

Aber genau das ändert sich gerade.

Letzte Woche habe ich mit Claude Code in zwanzig Minuten eine Automatisierung gebaut, die Blog Entwürfe aus einem Ordner einliest, in eine Kontext-Strategie bringt und eine Übersicht als Markdown Datei erstellt. Früher hätte ich dafür entweder einen Entwickler gebraucht oder mich durch n8n geklickt. n8n ist ein visuelles Automatisierungstool mit Kästchen und Verbindungslinien. Es ist mächtig, aber die Lernkurve ist steil. Man muss verstehen, wie APIs funktionieren, wie Datenformate aussehen, wie man Fehler debuggt. Hier haben wir übrigens ein Kurs dazu im Angebot – AI Automation Specialist.

Mit Agent Coding beschreibe ich einfach, was ich will: „Lies alle Markdown Dateien im Ordner ‚entwuerfe‘, zähle wie oft das Wort ‚KI‘ vorkommt, und erstell mir eine sortierte Liste.“ Claude Code fragt nach, wenn etwas unklar ist. Es schlägt Lösungen vor. Es testet selbst, ob der Code funktioniert. Und wenn nicht, korrigiert es sich.

Das ist nicht einfacher, weil die Technologie magisch wäre. Es ist einfacher, weil ich in natürlicher Sprache kommunizieren kann, statt die Logik eines visuellen Editors lernen zu müssen.

Was ich damit baue (oder vibecode, wie man jetzt sagt)

Drei Beispiele aus meiner aktuellen Arbeit:

Erstens: Angebotsgenerierung. Wir bekommen Anfragen für Firmenseminare, die oft ähnliche Strukturen haben. Ich habe mit Claude Code ein Tool gebaut, das auf meinem Rechner läuft und unsere anonymisierten Angebotsvorlagen analysiert. Es liest die Anfrage Mail ein und generiert einen Entwurf. Komplett lokal, ohne dass Daten irgendwohin geschickt werden. Nicht perfekt, aber ein Startpunkt, der mir eine Stunde Arbeit pro Anfrage spart.

Zweitens: Content Produktion. Für unseren Blog entstehen Artikel wie dieser hier in einem Workflow, der Recherche, Strukturierung und Schreiben kombiniert. Claude Code hilft mir dabei, Quellen zu organisieren, Entwürfe zu iterieren und Formatierungen konsistent zu halten.

Drittens: Die Browser Extension, die ich eingangs erwähnt habe. Für meine Forschung interessiert mich, wie Menschen KI generierte Texte verändern. Welche Wörter streichen sie? Was formulieren sie um? Wo ergänzen sie? Eine Extension, die das erfasst, wäre mit klassischer Programmierung ein Projekt für Wochen. Mit Claude Code hatte ich nach einem Wochenende einen funktionierenden Prototyp.

Keins dieser Projekte ist produktionsreif in dem Sinne, dass ich es an Tausende Nutzer ausliefern würde. Aber das muss es auch nicht sein. Es sind Werkzeuge für meine eigene Arbeit. Prototypen, die zeigen, ob eine Idee funktioniert. Automatisierungen, die mir repetitive Tätigkeiten abnehmen.

Wo die Grenzen des Vibecodings liegen

Claude Code kann Code schreiben. Aber es versteht nicht wirklich, was der Code tut. Es hat kein Modell davon, wie dein Unternehmen funktioniert, was deine Kunden wollen, welche Daten sensibel sind. Es übersetzt Worte in andere Worte, in diesem Fall in Programmiersprache. Ob das Ergebnis in deiner echten Welt funktioniert, musst du selbst beurteilen.

Eine aktuelle Studie der Carnegie Mellon University (He et al., 2025) macht das messbar: Forscher haben über 800 GitHub Projekte untersucht, die den Coding Agent Cursor adoptiert haben. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ja, die Entwicklungsgeschwindigkeit steigt anfangs dramatisch. Bis zu fünffach mehr Code-Volumen in den ersten Wochen. Aber nach zwei Monaten ist dieser Effekt verschwunden. Was bleibt: 41% mehr Code Komplexität und 30% mehr Warnungen in der statischen Code Analyse. Die technische Schuld, die sich ansammelt, bremst langfristig sogar die Geschwindigkeit wieder aus.

Das überrascht mich nicht. KI generierter Code ist nach Aussage der Studie oft unnötig kompliziert. Das Modell hat kein Konzept davon, was „einfach“ oder „wartbar“ bedeutet. Es optimiert auf „funktioniert“, nicht auf „ist verständlich“.

Konkret bedeutet das: Je spezifischer und ungewöhnlicher dein Anwendungsfall, desto mehr musst du selbst steuern. Die Browser Extension für meine Forschung hat nicht beim ersten Versuch funktioniert. Ich musste lernen, wie ich Fehler beschreibe, wie ich Claude Code auf die richtige Spur bringe, wie ich teste, ob etwas wirklich tut, was ich will.

Die eigentliche Kompetenz beim Vibecoding

Hier liegt der Punkt, der mich als KI Bildungsforscherin interessiert: Agent Coding verschiebt, was man können muss. Syntax lernen, Programmiersprachen beherrschen, Dokumentationen wälzen: das wird weniger wichtig. Dafür wird anderes wichtiger.

Präzise beschreiben, was man will. Das klingt trivial, ist es aber nicht. „Mach mir eine Automatisierung“ ist zu vage. „Nimm alle Markdown Dateien aus dem Ordner ‚content‘, extrahiere die Überschriften, und schreib das in eine Tabelle“ ist ein Auftrag, mit dem Claude Code arbeiten kann.

Erkennen, ob das Ergebnis stimmt. Claude Code produziert Code, der syntaktisch korrekt ist. Aber ob er das Richtige tut, musst du prüfen. Das erfordert ein mentales Modell dessen, was passieren soll.

Iterieren statt erwarten. Die erste Version funktioniert fast nie. Agent Coding ist ein Dialog, kein Befehl. Wer erwartet, beim ersten Prompt das fertige Produkt zu bekommen, wird enttäuscht.

Das sind Kompetenzen, die wir im Marketing eigentlich schon haben. Briefings schreiben. Ergebnisse bewerten. In Feedback Schleifen arbeiten. Agent Coding ist, wenn man so will, Briefing auf Steroiden.

Warum die Überforderung beim Vibecoding trotzdem real ist

In unseren Seminaren sehe ich, wie weit Agent Coding vom Alltag der meisten Marketer entfernt ist. Nicht weil es zu schwer wäre. Sondern weil es zu fremd wirkt.

Das Terminal, diese schwarze Kommandozeile, sieht aus wie etwas, das man nicht anfassen sollte. Die Fehlermeldungen sind kryptisch. Die Sprache der Entwickler Welt ist voll von Begriffen, die man nicht kennt. Und selbst wenn man den Mut hat anzufangen, ist der erste Fehler so frustrierend, dass viele aufgeben.

Das ist ein echtes Problem. Nicht weil jeder Marketer programmieren sollte. Sondern weil die Werkzeuge, die gerade entstehen, zu mächtig sind, um sie zu ignorieren.

Meine vorläufige Antwort: Klein anfangen. Nicht mit dem Terminal, sondern im Browser. Nicht mit der komplexen Automatisierung, sondern mit etwas, das sofort funktioniert und beeindruckt. Die erste erfolgreiche Erfahrung („Das habe ich gebaut, und es funktioniert“) verändert, was man sich zutraut.

Was Vibecoding für eure Arbeit bedeuten kann

Agent Coding wird nicht verschwinden. Die Tools werden besser, die Einstiegshürden niedriger. In ein, zwei Jahren wird es normal sein, dass Marketer sich kleine Automatisierungen selbst bauen, statt auf die IT zu warten oder teure No Code Tools zu lizenzieren.

Die Frage ist nicht ob, sondern wann ihr einsteigt. Und wie.

Praxis Take Away: Dein erster Coding Versuch (ohne Installation)

Stufe 1: Claude Artifacts (null Aufwand)

Öffne Claude (claude.ai) und schreib: „Bau mir ein Tool, in das ich einen Text eingeben kann. Es soll mir die Zeichenzahl anzeigen, die geschätzte Lesezeit, und mir sagen ob der Text für LinkedIn (max 3000 Zeichen) oder Twitter (max 280 Zeichen) zu lang ist.“

Claude erstellt dir ein funktionierendes Mini Tool direkt im Chat. Du siehst den Code, aber du musst ihn nicht verstehen. Du siehst das Ergebnis. Und kannst es sofort benutzen und teilen.

Stufe 2: Iteration erleben

Das Ergebnis ist nicht perfekt? Sag Claude, was fehlt: „Füg noch LinkedIn hinzu.“ „Mach das Design minimalistischer.“ Du erlebst, wie Agent Coding als Dialog funktioniert. Nicht als einmaliger Befehl.

Stufe 3: Komplexer werden

Wenn das funktioniert, versuch etwas Anspruchsvolleres: „Bau mir ein Tool, in das ich Blog Überschriften eingeben kann. Es soll mir sagen, welche zu lang sind, welche keine Zahlen enthalten, und welche nicht zu meinen Keywords passen.“

Warum das funktioniert

Artifacts und ähnliche Features (z.B. das Canvas Feature bei Gemini) sind der perfekte Einstieg, weil du sofort Ergebnisse siehst. Kein Terminal, keine Installation, keine kryptischen Fehlermeldungen.

Wenn du merkst, dass du mehr willst (Dateien auf deinem Rechner verarbeiten, Automatisierungen bauen, die wirklich laufen), dann ist der nächste Schritt Claude Code im Terminal. Aber das kann warten. Erstmal: Etwas bauen. Staunen. Weitermachen.

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